Ordination Dr. Dieter Michael Schmidt

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Publikation in der Kärntner Ärztezeitung:

Der Arzt für Allgemeinmedizin Dr.A. untersucht in seiner Ordination eine achtzehnjährige Patientin und stellt statt der vermuteten Schwangerschaft eine unbedeutende Regelverschiebung fest. Am Abend berichtet er im Gesangsverein dem Vater des Mädchens von ihrem Besuch, er bräuchte sich keine Sorgen zu machen.


Der Stationsarzt Dr.B. hat den siebzigjährigen Patienten Herrn C. untersucht und operiert, dabei ein metastasierendes Magencarcinom festgestellt. Bei der Nachmittagsvisite sieht er Sohn und Tochter von Herrn C. und berichtet ihnen über die Diagnose und den weiteren Verlauf.


Dr.A. hat mit seiner Mitteilung an den Vater eine Familienkrise ausgelöst, der Vater sollte erst nach gesicherter Schwangerschaft eingeweiht werden. Die Tochter hat im Sommer bei einem Rechtsanwalt einen Ferialjob gehabt, sie spricht mit diesem und erfährt, daß eine Klage gegen Dr.A. wegen der vielen Zeugen im Verein durchaus erfolgreich sein könnte.


Dr.B. hat nach seinem Gespräch mit den Angehörigen ein Gefühl der Erleichterung. Das Verhalten der Angehörigen des Herrn C. hat sich deutlich geändert, ist fürsorglicher, vorsichtiger geworden. Herr C. ahnt aus den Beobachtungen der anderen Patienten und deren Behandlungen, daß es sich bei ihm um etwas Schlimmeres handeln müsse. Bei der Visite traut er sich nicht zu fragen, die Turnusärzte, die Zeit für ein Gespräch hätten, verweisen auf die Kompetenz des Oberarztes.


Die rechtliche Wertung ist eindeutig: in keinem der beiden Fälle lag eine schriftliche Erklärung des Patienten vor, in der der behandelnde Arzt von der Schweigepflicht befreit wurde. Somit handelt es sich um eine Rechtswidrigkeit und ist als solche vor einem ordentlichen Gericht einklagbar. Sogar eine strafrechtliche Verurteilung ist unter gewissen Umständen möglich: wenn der in seinem berechtigten Interesse an Geheimhaltung verletzte Patient den Arzt bei der Staatsanwaltschaft anzeigt, so können Strafen bis zu sechs Monaten oder Geldstrafen bis zu 360 Tagessätzen verhängt werden ( § 121 StGB )
Zum menschlichen Aspekt einige persönliche Aussagen und Erfahrungen: die geschilderte Vorgangsweise des „Hausarztes“ Dr.A ist extrem selten, die Familie wird sicher den Arzt wechseln, solche Vertrauensbrüche führen zu einem klaren Rückgang in der Patienten-Frequenz.
Die Mitteilungen an Angehörige von Spitalspatienten ist leider alltägliche Gewohnheit und gehört sicher von der Krankenhausleitung und von jedem Primararzt ausdrücklich verboten. Der ohnehin sich als hilflos empfindende Patient erleidet noch zusätzlich den Verlust der alleinigen Verfügung über alle Informationen, die ihn in seinem innersten Bereich betreffen. Es wird nur noch gelogen: die Angehörigen, um ihn zu schonen; er selbst schweigt, aus Angst um sich und aus Scham den Angehörigen gegenüber.
Der Ausweg kann nur so sein, daß im Krankenhaus Räume und Termine geschaffen werden, wo sich der Patient trauen könnte, nach der Wahrheit zumindest teilweise zu fragen. Dann kann auch der Arzt ahnen, welche Teile der Diagnose der Patient jetzt erträgt, in weiteren Gesprächen kann mehr gesagt werden. Angehörige können auf Wunsch des Patienten dabeisein, er muß jedenfalls selbst entscheiden dürfen.

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