Ordination Dr. Dieter Michael Schmidt

Juni 2000
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Der seltsame Paragraph 367 im ASVG

Publikation in der Kärntner Ärztezeitung:

„Herr Doktor, ich habe das Medikament für mein Sodbrennen vom Kontrollarzt nicht bewilligt bekommen!“
„Warum nicht?“
„Das weiß ich leider nicht, ich habe ihn nicht richtig verstanden.“
„Ich weiß es auch nicht.“

„Herr Doktor, mir wurden von den 30 Physikotherapien nur 20 bewilligt. Der Kontrollarzt meinte, wenn es nicht ganz gut sei, könne ich danach noch um fünf weitere ansuchen. Das dauert dann aber wieder so lange!“
„Warum haben Sie nicht alle bekommen?“
„Weiß ich nicht.“

Alltag in den Sprechstunden der Allgemein- und Fachärzte. Nun: nicht der behandelnde Arzt hat irgend etwas nicht bewilligt bekommen, sondern der Patient. Daher: eine Begründung erhält nur der Patient, der Arzt vielleicht, wenn er anruft.
In der Zeitschrift „Der Hausarzt“ fand ich vor einiger Zeit einen Hinweis auf den § 367 im ASVG. Der Text lautet auszugsweise:

Abs 1 Lit 2 : [...] über den Antrag auf Zuerkennung einer Leistung aus der Krankenversicherung [...] ist ein Bescheid zu erlassen, wenn [...] die beantragte Leistung ganz oder teilweise abgelehnt wird und der Anspruchswerber ausdrücklich einen Bescheid verlangt.
§ 368 Abs 1: Bescheide über Anträge auf Zuerkennung von Leistungen aus der Krankenversicherung sind binnen zwei Wochen nach Einbringung des Antrags zu erlassen.

Dann gibt es noch einen Passus, der mitteilt, daß jeder Bescheid der Krankenversicherung vor dem Sozialgericht anzufechten ist und der Kläger, nämlich der Versicherte, niemals die Kosten zu tragen hat.
Und so gibt es manchmal Patienten, die Zivilcourage und geringe Autoritätsgläubigkeit mitbringen, denen eine nach den Regeln der Medizin verordnete Leistung, diagnostisch oder therapeutisch, zukommt, die derzeit nicht in den Tarifen enthalten ist und die wissen wollen, warum sie das selbst bezahlen sollten. Wenn die Patienten, und nur diese können einen Bescheid verlangen, dies schriftlich verlangen, erhalten sie meist formlose Schreiben, oft telefonische Anrufe, aber bisher nach meiner Erfahrung selten einen Bescheid, der die formaljuristischen Bedingungen erfüllt.
Wie oft bin ich nach hervorragenden Kongressen voll des Tatendrangs am Montag in meine Ordination gegangen, um nach wenigen Tagen die Professoren und Dozenten wieder als „Kliniker“ einzuschätzen und elende, unbefriedigende Kompromisse einzugehen.
Ein begründeter Bescheid kann eine interessante medizinische Diskussion auslösen. Schließlich gibt es mehrere Möglichkeiten, Studien zu interpretieren, es gibt verschiedene fachliche Ebenen, unterschiedliche Aus- und Weiterbildungen. Eines dieser Diskussionsbeispiele hier im Faksimile:

Es geht auch einmal in anderer Art und Weise: eine Patientin möchte ein Mittel gegen Haarausfall, ein bestimmtes, das auch der Nachbarin so gut geholfen hat. Meine Erklärungen bleiben wirkungslos, zu mächtig ist die empirische Erfahrung. So verordne ich diese Kapseln, sie werden erwartungsgemäß von der Kasse nicht bewilligt, nach einigen Briefen erhält sie einen regelrechten Bescheid, in dem argumentiert wird, daß alle Ingredienzen der Kapseln in der normalen, ausgewogenen Ernährung enthalten sind. Dieses Schreiben schicke ich an die Firma, die das Medikament vertreibt. Von dort kommt nach Tagen ein kleinlauter Anruf ( kein Brief), diese Argumente seien an und für sich richtig. Die Patientin, darüber informiert, ist zufrieden.

Konsequenz: mündige Patienten, die auch im Internet suchen und finden, sind in der Lage, den modernen Methoden in der Medizin einen guten Platz einzuräumen. Sie möchten erfahren, welche Motive und welches Wissen ihren Krankenkasse zu der Entscheidung einer Ablehnung bringt. Unsere Aufgabe als Hausärzte ist es, nach der Erfahrung und dem erworbenen Wissen die einzelnen diagnostischen und therapeutischen Schritte abzuwägen, Schaden abzuwenden zu versuchen (nil nocere) und sodann jene Untersuchungen und Behandlungen vorzunehmen, die richtig sind.


Hier ein Nebensatz: den Begriff „Querulant“ gibt es in der Medizin nicht! Dürfen wir überhaupt zwischen guten (glatter Beinbruch) und schlechten (borderline) Patienten unterscheiden? Heißt nicht Querulant: krankhaft übersteigertes Klagsbedürfnis? Und muß nicht gerade diesen „Klagenden“ genauso professionell geholfen werden wie allen anderen? Was sagt dieser verächtliche Ausdruck über mich selbst?

Immer zum Schluß die Frage, wie wir sie in der Psychosomatik gelernt haben: was mache ich mit mir selber?
Würde ich mit einer möglichen CT- oder MRI-Untersuchung noch warten? Nähme ich ein „altes“ Medikament, wenn in der Literatur bereits ein neueres der golden standard ist? Kann ich von meiner möglichen Privilegierung bei den Kollegen auch auf meine Patienten schließen?

Ein Nachsatz: die Sozialversicherungen wurden Ende des 19.Jahrhunderts von Bismarck gegründet, eher als politisches Zugeständnis an die aufkeimende Revolution des Proletariats, aber doch als zukunftsweisendes Tat zur Versorgung der Kranken und Alten. Das Prinzip war die Solidarität der Gesunden mit den Kranken, der Starken mit den Schwachen. ( Dr.Josef Probst vom Hauptverband der Sozialversicherungen im „Ärztemagazin“ 26/2000 vom 1.Juli: „Es ist offenbar schon vergessen worden, was Solidarität heißt. Es ist das Recht des Schwachen auf die Hilfe des Starken.“)
Was bleibt von diesen edlen Motiven, wenn gerade der Kranke, der seine Rechte wie seine Pflichten wahrnimmt, vieles erhält, was dem Schwachen von vornherein verweigert wird. Mich interessiert nicht so sehr der Patient des obigen Beispiels, Sorgen machen mir all die Kranken, die oft zweitrangig und unzureichend versorgt werden, die dagegen nicht aufzubegehren wagen. Viele alte Menschen erleiden zusätzlich zu den körperlichen und sozialen Verlusten noch die Geringschätzung ihrer medizinischen Bedürfnisse, es scheint die Meinung zu bestehen, für diese sei der Minimalstandard gerade gut genug. Ist nicht eine Gesellschaft auch daran zu messen, wie sie mit den Schwächeren umgeht?

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