Ordination Dr. Dieter Michael Schmidt

Frühjahr 2002
<< zurück
beim Therapieforum

Therapieforum im Ärztemagazin Ausgabe 12/02

Aufgabenstellung:
"Es ist zum wahninnig Werden! Ich habe das Gefühl, meine Beine sind voller kleiner Würmer, als ob die in meinen Knochen auf- und ablaufen würden! Und da kann man die Beine dann einfach nicht mehr ruhig halten. Das Perverse daran ist: Das passiert mir nur nach sieben Uhr abends, vor allem in der Nacht, aber auch im Auto oder in der U-Bahn, wenn ich später nach Hause komme. Ganz arg ist es im Bett, ich kann nicht schlafen wegen dieser Kribblerei, nehme schon mehr Schlafpulver, als mir gut tut. Und in der Früh ist es weg!" Mit diesen drastischen Worten schildert Frau Hermine S. ihre Beschwerden, die sich ziemlich eindeutig einem Zustandsbild zuordnen lassen: Restless Legs. Aber damit ist der Patientin noch nicht geholfen, sie weiß inzwischen auch, dass das so heißt. Ansonsten ist sie gesund, 57 Jahre alt, berufstätig in einem Außendienstjob, sie muss also viel fahren. "Man traut sich ja kaum mehr, am Abend ins Auto einzusteigen", sagt sie. "Wie ist denn so was möglich? Am liebsten würde ich meine eigenen Beine mit dem Hammer erschlagen!" Da dies keine therapeutische Option ist, stellt sich die drängende Frage: Was kann dieser Patientin helfen? Wie würden Sie die Sache angehen?

Mein Therapie-Vorschlag:
Frau Hermine leidet sehr unter den restless legs. Ich kann sie zunächst beruhigen, dass es vermutlich sich um ein zwar äußerst lästiges, aber ungefährliches Krankheitsbild handelt und dass es nicht schlechter werden wird.
Am Anfang steht die Anamnese, die für gewöhnlich bereits zwei Drittel der Diagnose liefert.
Wie lange bestehen die Beschwerden schon, was verstärkt sie, was lindert sie? Was hat sie schon alles an Krankheiten und mit Ärzten erlebt? Was ist ihr Beruf, macht sie ihn gerne? Eben eine möglichst vollständige psychosoziale und psychosomatische Erfassung des ganzen Menschen.
Um ein sekundäres, auf andere Leiden hinweisendes - Eisenmangel, Niereninsuffizienz, Polyneuropathie - restless legs syndrom auszuschließen, veranlasse ich ein Labor mit Blutbild, Eisen, Ferritin, Transferrin, Vitamin B12, Folsäure, HBA1c, Nierenwerten, Hormonstatus. Alle diese Untersuchungen sollten gemacht werden, so erkläre ich das Frau Hermine, um andere Leiden auszuschließen und damit nicht auf einer falschen Fährte zu landen. Wenn es nötig erscheint, die Diagnose weiter abzusichern, wäre ein neurologischer Facharztbefund und eine Nacht im Schlaflabor richtig. Nach all diesen Voruntersuchungen dürfte dann die Diagnose feststehen: autosomal dominant vererbtes idiopathisches restless legs syndrom.
Zur Therapie rate ich erstens zu allgemeinen Maßnahmen der Schlafhygiene: abends nichts oder wenig essen, statt Fernsehen eher ein Buch lesen, den Radiowecker mit Leuchtziffern entfernen, keine Fernbedienungen oder Schnurlostelefone und Handys im Schlafzimmer lassen, eventuell den Schlafplatz von einem Radiästheten untersuchen lassen, der allerdings vorher nichts von ihren Beschwerden erfahren sollte.
Medikamentös rezeptiere ich L-Dopa in einer anfänglichen, einschleichenden Dosierung von 100 mg, eine Stunde vor dem typischen Auftreten der Beschwerden. Zu eruieren sind vorher die Kontraindikationen: Glaukom, Depression, Herzerkrankungen, Erkrankungen der Ausscheidungsorgane Niere; die möglichen Wechselwirkungen mit Blutdrucksenkenden Mitteln, mit Sympathimimetika. Die bekannten Nebenwirkungen dürften bei der alleinigen abendlichen Einnahme kaum auftreten. Nach vier Wochen werden ohnehin Blutbild und Leberserie kontrolliert.
Frau Hermine ist aufmerksam zu machen, dass bestimmte Medikamente wie Butyrophenone, Phenothiazine, Metoclopramid, Atosil, Trimipram, Amitryptilin und Naloxon das Leiden verstärken könnten. Am besten schreibe ich diese Arzneien alle auf eine Karte, die sie besonders den Anästhesisten zeigen sollte. Falls sie bisher Benzodiazepine, die ja bei restless legs gut wirksam sind, zum Schlafen genommen hat, werde ich sie auf deren Suchtpotenz hinweisen und eine, hoffentlich nur mild notwendige Entwöhnungsbehandlung durchführen.
Ich würde Frau Hermine auch ermuntern, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen und würde ihr die Adresse heraussuchen.
Abschließend bitte ich Frau Hermine um weitere Kontakte, um die Wirkung und Nebenwirkung des L-Dopa beurteilen zu können, die Therapie möglicherweise zu ändern und auf längere Sicht zu versuchen, ohne Medikamente, nur mit schlafhygienischen Mitteln auszukommen.

weitere Publikationen...

Mein neues Buch jetzt bestellen:

Buch 'Im Wartezimmer bitte Lächeln'

Per Mail bestellen

Schnell finden: