Ordination Dr. Dieter Michael Schmidt

Nov. 2002
<< zurück
Wechselwirkungen?

Publikation in der Kärntner Ärztezeitung, Referat Umweltmedizin:

Ungeklärte Todesfälle im Salzburger Mozarteum, Leukämie in einer Spittaler Schule, Hirntumore durch Handys – Schlagzeilen für Umweltmediziner, ihr besonderes Wissen ist plötzlich sehr gefragt.
Doch die Sachlage ist kompliziert, fern von einfachen Antworten, mühselig die Suche nach Auslösern, schwierig die Erstellung der Beweiskette und es ist immer recht vergeblich, die differenzierten Argumente verständlich zu machen.
Denn zuviel kann einen Menschen krank machen: die elektromagnetischen Felder der DECT-Schnurlostelefone und der Handysendemasten; die Mixtur aus schlechter Baubiologie, ungenügender Lüftung, Formaldehyd, Reinigungsmittel im Haus; der Lärm allüberall, die Partikel aus Dieselabgasen, die Belastung am Arbeitsplatz; die mangelnde Bewegung, die Mangelernährung trotz voller Regale, psychosoziale widrige Umstände, berufliche oder private Kränkungen und vieles andere mehr.
Aber da gibt es vermeidbare Todesfälle, Schicksale junger Menschen, die nach Erklärung rufen und die vielleicht bei besserer Kenntnis hätten abgewendet werden können. Den Einzelnen tröstet die Statistik nicht.


Die alten Zeiten sind vorbei, wo ein rauchender Kamin und ein hässliches Fabrikgelände Symbol genug waren, um die Zusammenhänge mit den hustenden Kindern plausibel zu machen. Auch Journalisten waren rasch begeistert und bereit, wiederholt „Alarm zu schlagen“.
Jetzt gilt es aber, detektivisch zu suchen, Einzelbelastungen zu ermitteln, zu bewerten und erst dann eine Aussage zu machen. Kontakt mit universitären Kollegen, viel Literatur und Internet-Recherchen lassen die Lücken schließen.
Die Dosis-Wirkungsbeziehungen und die dazu erforderlichen Beobachtungen und Datenerhebungen erstrecken sich mitunter über lange Jahre; der Mensch hält Spitzenbelastungen leichter aus als lang andauernde, ständig an der Schwelle kratzende Reize.
Erforscht wird derzeit die Frage der individuellen Empfindlichkeit: warum werden nur manche Personen in der identen Situation krank, ist dies erklärbar, lässt es sich messen, sind daraus besondere Schutzmassnahmen ableitbar?


Die Umweltmedizin arbeitet sich nun nach den Gipfelsiegen der Anfänge durch die Mühen der Ebene und hat hier noch viel zu erforschen. Dennoch gilt nach wie vor das Prinzip der Minimierung des Risikos, alle bekannten Schadstoffe und Umweltbelastungen sollten unter den wissenschaftlich begründeten Richtwerten liegen. Und es gilt die Forderung, dass bei Einführung neuer Technologien eine begleitende medizinische Forschung zu ermöglichen und zu finanzieren ist. Die Gesellschaft hat ein Recht auf diese Kenntnis der Nebenwirkungen, bei einem Medikament lesen die meisten sogar vor der Liste der Krankheiten, zu deren Behandlung diese Arznei eingesetzt wird, die umfangreichere Liste der Nebenwirkungen.
Und da werden Millionen von Handys verkauft und Tausende von Sendemasten errichtet, ohne dass sich irgendwer über schädliche Auswirkungen den Kopf zerbricht.
Da kommen jährlich Tausende neuer Chemikalien auf den Markt, ohne dass ein Toxikologe sich damit befasst.
Strassen werden gebaut, Siedlungen errichtet, Flächenwidmungen erlassen, ohne auch nur der Spur einer Idee, dies könne die Gesundheit der Menschen beeinträchtigen.
Nach einigen dürren Jahren könnten wieder spannende Zeiten in der Umweltmedizin kommen, wir sollten darauf vorbereitet sein. Analog zur aktuellen Diskussion in der Gesundheitspolitik ist aber die Frage nach den Zielen und Absichten wichtig: was wollen wir erreichen? Was soll am Ende herauskommen? Wem sind wir verpflichtet?

weitere Publikationen...

Mein neues Buch jetzt bestellen:

Buch 'Im Wartezimmer bitte Lächeln'

Per Mail bestellen

Schnell finden: