Ordination Dr. Dieter Michael Schmidt

April 2004
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Patient Straßenverkehr

Interview mit dem "Medical Tribune" zum Thema:
Tauern- und Katschbergtunnel,
Erschließung des Naturparks "Verkehrshölle"

EBERNDORF/WIEN – Ob mit oder ohne Ausbau der zweiten Tunnelröhren von Tauern- und Katschbergtunnel – der durchschnittliche Tagesverkehr auf der Tauernstrecke A 10 wird sich verdreifachen. Im Jahr 2020 werden nach Berechnungen täglich zwischen 22 000 und 40 000 KFZ die A 10 passieren. Die Politik verspricht Lärmschutzmaßnahmen, Transitgegner halten die Maßnahmen zur Lärmdämmung gerade bei den speziellen Eigenheiten der Schallbrechung in einem Alpental für einigermaßen nutzlos. Durch Anstieg der Partikelbelastung in der Luft wird es zu einer weiteren Zunahme der Atemwegserkrankungen und Schlafstörungen bei Bewohnern der anliegenden Gebieten kommen, warnt die Kärntner Ärztekammer.

Doch Politik und Wirtschaft wollen sich nicht durch formal-juristische Kleinigkeiten vom Bau der zweiten, 5,4 km und 6,4 km langen Katschberg- und Tauerntunnelröhren abhalten lassen: Verkehrsminister Hubert Gorbach hatte geäußert, es sei „nicht einzusehen, dass die Planungen durch Anrufen der Höchstgerichte verzögert werden.” Man scheint also entschlossen, sich bei dem 400-Mio.-Euro-Projekt nicht durch kleinliche Einwände wie Lebensraumzerstörung und wachsende Gesundheitsgefährdung vom geplanten Baubeginn 2004 und 2005 abhalten zu lassen. In der demokratischen Republik Österreich dürften Volksbefragungen wie in der Schweiz, die ein deutliches „Nein” (rund 65 %) zum Bau der zweiten St. Gotthard-Röhre ergeben hatte, nicht vorgesehen sein.

Trotz Verkehrszunahme Schadstoffentlastung?
Dabei ist dem von der ASFINAG (Autobahnen- und Schnell-straßenfinanzierungs-AG) veröffentlichten Bericht ‘Umweltuntersuchung Vollausbau’ (UUV) im Berichtteil FB 15/Umweltmedizin zu entnehmen, dass „hinsichtlich des Prognosejahres 2020 vor allem die Langzeitbelastungen von NO2 als Jahresmittelwert in gewissen Bereichen als kritisch einzustufen” sind. Was aber gar nicht so schlimm sein dürfte, denn generell „kann davon ausgegangen werden, dass die Staubbelastung im Wesentlichen gleich bleiben wird ... (und) sich trotz einer ca. Verdoppelung des Verkehrsaufkommens, auch unter Berücksichtigung eines höheren Lkw-Anteils, die Luftsituation nicht wesentlich verändern wird.” Und noch besser: Die Vervielfachung des Verkehrs lässt „in manchen Bereichen sogar leichte Entlastungen” erwarten.

Diese widersprüchliche Situation war der Auslöser, mit dem Umweltmedizin-Referenten der Kärntner Ärztekammer, Dr. Dieter Schmidt, ein Gespräch über die Zukunft des kärntnerischen Tauernabschnittes und wachsende Gesundheitsprobleme zu führen.

Medical Tribune: Welche gesundheitlichen Konsequenzen konnten Sie bedingt durch den Transitverkehr bei Bewohnern entlang der Tauernstrecke feststellen?
Dr. Schmidt: Ich beschäftige mich seit 1988 mit Umweltmedizin. Transitverkehr ist immer wieder ein Thema, das hoch- oder runtergespielt wird. Momentan liegt es durch den geplanten Bau der zweiten Tunnelröhren (Katschberg u. Tauern, Anm.) sehr hoch. Wir befassen uns aber schon seit längerem mit dem Problem, weil die Luftschadstoffe zum Großteil verkehrsbedingt sind. Die feinen Partikel PM 10 bis zu PM 0,1 (Partikelgröße >10 µm bis > 0,1 µm) sind die besten Indikatoren für Luftschadstoffe, die mit Gesundheitsverschlechterungen der Menschen einhergehen. Die beste Beziehung lässt sich im Vergleich zu SO2 und Stickoxiden usw. heranziehen, diese Partikel sind hauptsächlich im Dieseltreibstoff zu finden. Je feiner sie sind, desto mehr sind sie dem Straßenverkehr zuzurechnen. Je mehr sie dem Straßenverkehr zuzuordnen sind, desto mehr ist es ein Diesel- und damit ein LKW-Problem. Diese Partikel sind ein Hauptproblem der Belastung vor allem der Kinder.

MT: Ist eine Partikelzunahme in ganz Kärnten feststellbar oder nur entlang der Transitroute?
Schmidt: Partikelmessungen gibt es in Kärnten noch nicht so lange. Ich habe mich bei der Regierung erkundigt, es wird zwar immer mehr gemessen, aber es gibt noch keine langen Untersuchungsreihen. Wir kennen vergleichbare Werte aber aus anderen EU-Ländern, auch die Amerikaner messen schon seit langem die PM 10, und da sind die Zusammenhänge zwischen Partikeln und Verschlechterung der Gesundheit ganz evident.

MT: Wie sieht die Entwicklung bezüglich der Partikelzunahme aus?
Schmidt: Ich habe z.B. Zahlen aus Erfurt (Dtld.), wo erkennbar ist, dass die feinen Partikel von etwa 46 % im Jahr 1992 auf 63 % im Jahr 1999 gestiegen sind, mit weiter ansteigender Tendenz. Auch in Klagenfurt haben wir ein Feinstaubproblem, sodass sich die zuständige Stadträtin für Umweltschutz und Medizin, Dr. Maria-Luise Matiaschitz-Tschabuschnig, überlegt, Fahreinschränkungen, z.B. in bestimmten Stadtteilen bei erhöhtem Partikelgehalt 30-km/h-Beschränkungen, einzuführen bzw. Fahrverbote auszusprechen. Interessanterweise gilt auf der Tauernautobahn eine nächtliche Geschwindigkeitsbeschränkung von 60 km/h für LKW und 100 für PKW – das wird zwar überhaupt nicht kontrolliert, ist aber gesetzlich verfügt.

MT: Welche Altersgruppen sind von welchen Symptomen betroffen?
Schmidt: Wir untersuchen am liebsten Kinder, weil sie noch nicht rauchen, keine Arbeitsplatzbelastung haben und relativ gut fassbar sind. Es gibt verlässliche Zahlen, dass die Zunahme der Atemwegserkrankungen und des Asthmas auf Kosten der Partikel geht. Das ist sicher beweisbar. Die Salzburger Isaac-Studie (International Study on Asthma and Allergies in Childhood, Anm.) von Oberfeld/Riedler/Eder und Gamper hat das schlüssig nachgewiesen. Wir müssen nicht mehr in jedem Bundesland eine eigene Studie machen und teuer finanzieren, das lässt sich durchaus 1:1 umlegen, wenn die Untersuchungen methodisch einwandfrei sind.

MT: Wie bewerten Sie die Schlafstörungen?
Schmidt: Beim Lärm haben wir das Problem, dass ab 45 Db am Ohr des Schläfers Störungen oder Veränderungen im Schlafverhalten nachweisbar sind. Im Drautal haben wir derzeit eine Tagesbelastung mit einem Grenzwert von 60 Db und in der Nacht von 50 Db. Die Werte werden bereits jetzt teilweise in bestimmten Regionen überschritten. Diese Grenzwerte gehen aber davon aus, dass in der Nacht eine Erholung stattfindet, eine Absenkung um 10 Db, was einer Halbierung des Lärms gleichkommt. Bei der Tauernautobahn ist aber nachgewiesen, dass der Unterschied Tag zu Nacht nur 5 bis 6 Db beträgt. Das heißt es kommt zu keiner Erholung in der Nacht. Das Aufstehen wird immer schlechter, die Störung immer größer mit zunehmender Tendenz. Die geplanten Lärmschutzmaßnahmen können sicher nicht ausreichen, diese Grenzwert-Senkung einzuhalten: Denn der Verkehr wird sich verdoppeln, das sind +3 Db, der lärmdämmende Belag wird seine Eigenschaften durch rasche Abnützung verlieren, das sind +2 Db. Sind also insgesamt 5 Db Erhöhung der Lärmbelastung, was fast schon eine Verdoppelung bedeutet.

MT: Die Kärntner Landesregierung sieht für Lärmschutzmaßnahmen 65 Mio. Euro vor, das Paket wird als großer Erfolg für das Liesertal verkauft. Sind die projektierten Maßnahmen ausreichend?
Schmidt: Das kann ich als Mediziner nicht beurteilen. Ich habe aber von Juristen gehört, dass diese Vereinbarung von der Regierung überhaupt nicht rechtlich bindend und nicht einklagbar ist. Das ist eine von der Regierung (d. Landes Kärnten, Anm.) abgegebene Erklärung, die eigentlich nichts wert ist.

MT: Wenn es rechtlich fixiert wäre, könnten Sie dann darüber diskutieren?
Schmidt: Wir müssen das ganzheitlich sehen: Wenn man die zweite Tunnelröhre baut, kommt mehr Verkehr, der kommt allerdings auch ohne die zweite Tunnelröhre. Die Politik verbindet die zweite Tunnelröhre mit der Verbesserung der Maßnahmen, die sie ohnehin tun müsste. Ich bin nicht überzeugt, dass das so funktioniert, wie es die Wissenschaftler prognostizieren. In einem Alpental ist ein Lärmschutz sowieso nicht möglich, weil der Lärm sich via Echo ausbreitet und reflektiert wird. Das Liesertal ist sehr eng, die Autobahn liegt relativ hoch oben, der Lärm wird sich dort nicht einfach verflüchtigen und in Luft auflösen.

MT: Ist Ihr Ziel ein Baustopp, welche Schritte wollen Sie setzen?
Schmidt: Wir sind Mediziner und unterstützen die Gesundheit der Bevölkerung. Ich bin aber bislang von keiner offiziellen Stelle um Mitarbeit angefragt worden, auch meine Kollegen nicht – sonst würden wir ja nicht öffentlichen Protest veranstalten.

MT: Gibt es ein gemeinsames Vorgehen von Kärntner und Salzburger Ärztekammer, auch mit der ÖÄK, um das Transit-Thema über die jeweiligen Landesgrenzen hinauszutragen? Wird da ausreichend getan?
Schmidt: Ja, absolut. Wir haben eine ähnliche Resolution wie die Tiroler und die Salzburger ÄK. Wir sind über alle gegenseitigen Schritte informiert, stimmen die Vorgehensweisen aufeinander ab. Die ÖÄK wird sich sicher noch einmischen, Dr. Gerd Oberfeld hat einige Artikel in der Österreichischen Ärztezeitung zu dem Thema geschrieben, da gehen wir durchaus konform.

MT: Wird medial noch mehr Engagement und Druck von der ÖÄK zu erwarten sein?
Schmidt: Es wird sicher noch einiges kommen. Allerdings, wir müssen es wirklich ganzheitlich sehen: Wir müssen die Leute darauf aufmerksam machen, dass Verkehr – wenn man ihn mit einem Medikament vergleicht – Wirkung und Nebenwirkung hat. Nebenwirkung sind Abgase, Lärm, Schwermetalle usw., die Wirkung ist aber auch, dass ich locker nach Salzburg fahren kann, um einzukaufen und schnell in Villach bin, um ins Theater zu gehen. Wir wollen mit viel Aufklärung darauf hinweisen, dass Menschen in einem bestimmten Tal durch das Vorbeifahren geschädigt werden können, und wir sollten auch darüber nachdenken, ob wir Joghurt aus München, Brot aus Holland und Erdäpfel aus Spanien brauchen.

MT: Wäre für Sie eine Volksbefragung sinnvoll?
Schmidt: Da bin ich mir noch nicht schlüssig. Es geht im Prinzip um Verzicht, wenn wir den aktuellen Wohlstand weiter halten wollen. Ohne Verzicht werden bestimmte Dinge irgendwann nicht mehr funktionieren. Es gibt aber auch angenehme Erlebnisse, die einem quasi in den Schoß fallen: Nähe zur Natur, unmittelbares Nachbarschaftserlebnis usw. Wenn man den Leuten Verzicht predigt, müssen sie Ersatz oder Belohnung erhalten.

MT: Halten Sie es für aussichtsreich, Individual- vor Wirtschaftsinteressen zu stellen?
Schmidt: Ich bin einfach optimistisch. Frederic Vester vergleicht in „Ausfahrt Zukunft” sehr schön den Menschen mit dem Lebensraum, in dem er lebt. Er vergleicht die Krebswucherungen mit dem Verkehrschaos und die ungehemmte Zellteilung bei Krebs mit der ungehemmten Autoproduktion.

MT: Es ist für mich etwas verwunderlich, dass sie eine Volksbefragung für nicht tauglich halten, weil sie in einer Aussendung auch auf die Schweizer Ablehnung der Gotthard-Röhre angespielt haben ...
Schmidt: Da haben Sie Recht, nur haben die Schweizer einen anderen Zugang zu Volksabstimmungen.

MT: Sehen Sie noch Chancen, bei der Kärntner Landesregierung Ihren Standpunkt einzubringen?
Schmidt: Ich bin ja kein Gegner der Regierung, ich möchte mit der Politik zusammenarbeiten und sie beraten. Wir werden auch in der Richtung etwas tun können. Wir haben aber mitbekommen, dass die Bürgermeister betroffener Orte an einem Mittwoch um 12 Uhr mittags die Nachricht bekommen haben, sie mögen am nächsten Tag zu einer Unterschriftsleistung nach Trebesing (Region Lieser-Maltatal, Anm.) fahren. Und was sollten sie unterschreiben – das würden sie dort schon sehen. Es ist den Bürgermeistern dann gelungen, bis am Abend den Vertragstext zu bekommen, und nach Beratung mit Juristen hat man sich entschlossen, diesen Text, in dem es um die verbindliche Koppelung der zweiten Tunnelröhre und der Lärmschutzmaßnahmen ging, nicht zu unterschreiben. Solange so mit Bürgermeistern umgefahren wird, mit Leuten der eigenen Parteien, werden wir nicht unbedingt einen Fuß in die Türe bekommen.

MT: Wird 2004/2005 an Tauern- und Katschbergtunnel mit den Arbeiten begonnen werden?
Schmidt: Ich hoffe, dass man es aufhalten kann. Dass noch einmal nachgedacht wird, bevor wild drauf los gebaut wird. Ein Jahr Nachdenkpause wäre nicht schlecht, um mit den Ärzten und der Bevölkerung über Alternativen zu diskutieren – statt einfach eine zweite Röhre zu bauen und den Verkehr durch das Tal zu lassen.
Als Ärztekammer hatten wir folgende Möglichkeit, als der Protest aus den Tälern kam: Zu warten, bis die Kollegen mit ihrer Wut eine gewisse Schwelle überschreiten, oder uns eben wie die Tiroler an die Spitze der Bewegung zu setzen. Wir wollten die Initiative ergreifen, und das ist auch recht gut gelungen.

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