Ordination Dr. Dieter Michael Schmidt

06.03.2016

Plädoyer für die Geriatrie

Plädoyer: ein Begriff aus der Rechtsprechung bezeichnet die zusammenfassende Rede des Staatsanwaltes und des Verteidigers in einem Strafverfahren; besser passt diese Definition: die Rede, mit der jemand entschieden für oder gegen etwas eintritt.

Ein Kollege aus Großbritannien hat seine geriatrische Abteilung in: „Department für komplexe Medizin“ umbenannt, ein Versuch, jenem Verdikt der hoffnungslosen Versorgung alter Menschen zu entkommen. Meine Gedanken gehen schon seit der Ausbildung zum Geriater in dem von der Ärztekammer angebotenen Diplom in diese Richtung. Zu sehr werden physiologische Beschreibungen mit negativen Adjektiven versehen, immer bezogen auf einen jungen, gesunden Erwachsenen. Das führt insgesamt zu einer resignativen und abschätzigen Beurteilung der Geriatrie unter den Kolleginnen und Kollegen sowie danach auch bei den Patienten. (Böhmer/Füsgen Geriatrie, Böhlau 2008)

EXAKTE BESCHREIBUNGEN

„Funktionelle Einbußen, Degeneration, verliert an Widerstandskraft, Abheilung verzögert, die mechanischen Eigenschaften verschlechtern sich, zunehmend unelastisches und unnachgiebiges Gewebe, Wundheilung deutlich verzögert, verminderte Durchblutung, Rückbildung des subkutanen Fettgewebes, Verminderung der Haarfollikel, Zurückweichen des Haaransatzes an den Schläfen, Produktion der Talgdrüsen reduziert, Verminderung der VitaminD-Spiegel, Abnahme der dopaminergen, serotoninergen, und noradreninergen Erregungsübertragung im Gehirn, intellektueller Abbau, Abnahme der renalen Ausscheidung, Durstgefühl und Flüssigkeitskonsum verringert, verlängerte Krankheitsverläufe und verzögerte Genesung, Chondroitin- und Proteoglycangehalt des Knorpels ist vermindert, verminderte Aggregation der Moleküle, mit höheren Kosten belastet, eingeschränkter Aktionsradius, schwächere Fieberreaktion, eingeschränkte Sensorik und Motorik, Verminderung von Sozialkontakten, reduzierter Muskeltonus, Verminderung des Tiefschlafanteils, nach Impfungen zu wenig Antikörperbildung, Verlangsamung der Nervenleit-Geschwindigkeit, mangelnde mentale Flexibilität, Abnahme der Knochenmasse, der Skelettmuskelmasse, nachlassende Fähigkeiten und Eigenschaften: Sehvermögen, Gehör, Kraft und manuelle Genauigkeit, Widerstandsfähigkeit und Wendigkeit, Arbeitstempo, Gedächtnis, Phantasie, Kreativität, vielseitige Aufmerksamkeit, Eifer, Energie, Initiative, Dynamik und Umgänglichkeit. Gesamtkörperwasser: -30 %, Muskelmasse: -30 %, Vitalkapazität: -45 %, Atemstoßwert (FEV1): -55 %, Regulationsgeschwindigkeit des pH: -20 %, Gehirngewicht: -45 %, Zerebrale Durchblutung: -20 %, Nervenleitgeschwindigkeit: -10 %, Kardiales Schlagvolumen: -30 %, Maximale Herzfrequenz: -25 %, Glomeruläre Filtration: -30 %, Nierendurchblutung: -50 %.

All das abgeschrieben aus den Skripten der Geriatrie-Diplom-Ausbildung und zusammengetragen aus verschiedenen Geriatrie-Vorträgen. Ich finde, diese geballte Menge an negativen Bezeichnungen, die ich den Lesern nicht ersparen kann, tut weh und löst viele abwertende Gefühle aus.

Die Forderung ist: alle Curricula, Skripten und Vorträge sind neutral erklärend, messend und nicht vergleichend zu gestalten.

Das ist zu einfach: abnehmend, weniger, schwächer sind Bequemlichkeiten des Denkens; exakte Beschreibungen sind mühsamer, respektieren aber die Würde alter Menschen. (Schmidt, Abschlussarbeit Geriatrie-Diplom 2003)

Die Patienten: „Auf die Geriatrie wirst du verlegt, steht es schon so schlecht um dich?“

Die Turnusärzte: „Ach, die drei Monate Geriatrie wirst auch überstehen!“

Der Regisseur der Arztserie zum Drehbuchautor: „Ich brauch Herztransplantationen und Verkehrsunfälle, was soll ich mit alten Leuten? Nur, wenn Sie mir ein bekanntes Schauspielergesicht dazu liefern!“

So darf es nicht weitergehen!

DIE KOMPLEXITÄT DER GERIATRIE

Bequemlichkeit ist auch ein Stichwort. Die Geriatrie ist komplex, erfordert viel Nachdenken und Interdisziplinarität, Teamarbeit und beste Kommunikation. Die Polypharmazie zwingt zum Setzen von Prioritäten und Grenzen. Es braucht eine ordentliche Portion Hirnleistung, um die Komplexität eines alten Patienten richtig zu erfassen. Die Multimorbidität kann nur in Zusammenarbeit der Fächer Interne, Orthopädie und Unfallchirurgie, Neurologie, Urologie, HNO, Augenheilkunde, Dermatologie und anderer erfasst werden. Hier ist der Allgemeinmediziner, der alle diese Fächer bis zu einem gewissen Grad kennt, der ideale Behandler und Koordinator. Welche Kollegin, welcher Kollege würde sich in einem Gebiet mit vielen Kindern und Schulen ohne ausreichende pädiatrische Ausbildung niederlassen wollen? Und bei der demographischen Entwicklung (s.u.) wollen wir es wagen, ohne geriatrische Aus- und Fortbildung tätig zu werden?

So beschreibt die Statistik des Landes Kärnten die Zukunft bis 2050: die Erwerbstätigen nehmen dramatisch ab und die über 65-Jährigen legen um 65 % zu!

Und mal ganz ehrlich, ihr Hausärzte: wer hat nicht schon einige Patienten viele Monate vor ihrem Tod an Kollegen verloren? Das mag zum Teil daran liegen, dass irgendjemand ja für die Verschlechterung die Schuld zu tragen hat, das ist in der Regel der Arzt, der wichtige Diagnosen übersehen hat, der nicht das richtige Medikament gefunden hat; könnte es aber auch sein, dass manches Mal das geriatrische Assessment nicht stattgefunden hat und die geriatrische Professionalität gefehlt hat?

In den Ausbildungen zu den Diplomen für psychosoziale und psychosomatische Medizin waren Selbsterfahrung und Balintgruppen zwingend zu absolvieren, damit wir uns mit den eigenen Befindlichkeiten, Ängsten und Verhaltensmustern konfrontieren und so nicht über den Umweg des Patienten uns selbst behandeln wollen. Daher: wie denke ich über mein eigenes Altern? Habe ich den Mut, Filme wie „L‘Amour“ von Michael Haneke, „Sibirien“ von Felix Mitterer mit dem wunderbaren Fritz Muliar oder die vielen Filme über Demenzschicksale, etwa mit Klaus Maria Brandauer, anzuschauen? Kann ich das Buch von Simone de Beauvoir „Das Alter“ (Simone de Beauvoir, Das Alter, Rowohlt Hamburg 2000) kühl und distanziert lesen? Wie erlebe ich das Alter und das Sterben in meiner Familie?

Und alte Menschen sind interessante Geschichtenerzähler, sie haben Lebenskrisen, auch Weltkriege und Entbehrungen, Hunger und Durst überstanden, sie sind oder waren im Verbund ihrer Familien verankert, haben Siege und Niederlagen erlebt und sind mit all diesen Erfahrungen so alt geworden, wie wir ihnen heute begegnen.

In meiner langjährigen Praxis habe ich mich bemüht, aus der Fülle häufiger Diagnosen jene herauszufinden, die anders sind, die abweichen und mehr Nachdenken einfordern.

So halte ich die Lektüre von guten Kriminalromanen für eine der besten Vorbereitungen zum Fach Geriatrie: es gibt einige Verdächtige, viele falsche Fährten, Haupt- und Nebenhandlung, eine oft weit in die Vergangenheit reichende Vorgeschichte und am Ende den richtigen Täter mit einem Geständnis.

Beim geriatrischen Patienten gibt es ebenso Haupt- und Nebendiagnosen, wichtige und weniger bedeutsame Medikamente, eine lange und interessante Anamnese, und am Ende die Diagnose, die angenommen werden kann und das Wohlbefinden oder das Ende bestimmt.


Leserbrief als PDF

Zur Homepage der Ärztekammer  Zur Homepage der Ärztekammer

Weitere Artikel zum Stichwort 'Geriatrie' suchen...  Weitere Artikel zum Stichwort "Geriatrie": Suchen...



Mein neues Buch jetzt bestellen:

Buch 'Im Wartezimmer bitte Lächeln'

Per Mail bestellen

Schnell finden: