Ordination Dr. Dieter Michael Schmidt

31.03.2015

Ein Leserbrief zu ELGA

Ein Leserbrief zu ELGA
Die Zeitschrift "DAM" der Allgemeinmediziner in der aktuellen Ausgabe 02/2015:

Bereits im Jahr 2009 stellte der ÖHV in einer seiner Veranstaltungen im Radiokulturhaus den deutschen

Allgemeinmediziner Dr. Franz Tenbrok vor, der eine Patientenakte entwickelt hatte, die sich auf einen USB-Stick speichern ließ und somit für Patientinnen und Patienten jederzeit zur Verfügung stand. Sein Werk war bestechend einfach, fand aber keine Gnade vor der Gesundheitsbürokratie – so wurde es still darum. Immer wieder jedoch wurde der Memory-Stick erfolglos als Alternative zu ELGA ins Spiel gebracht. Besonders im Pflegebereich wurde zwischenzeitlich mehrmals der Gedanke geäußert, den Pflegepatienten einen USB-Stick um den Hals zu hängen, damit es bei der nächtlichen Aufnahme im KH keine Verwechslungen gibt. Doch gute Ideen kommen wieder. So erreichte uns ein Leserbrief eines Kärntner Kollegen:

Erste Erfahrungen mit einem ELGA-„Plagiat“

Nun, ein Plagiat ist eine Nachahmung, ELGA existiert aber erst in den EDV-Köpfen und so ist der Ausdruck Surrogat besser. Jedenfalls habe ich auf eigene Faust ein kleines Projekt begonnen: Ich empfehle meinen Patienten, mir einen USB-Stick in Schlüsselform zu bringen. Stopp: Ich beginne die Empfehlung mit der Frage: „Haben Sie einen Schlüsselbund mit und passen Sie immer gut auf ihn auf?“ – „Ja, freilich!“ – „Dann kann ich Ihnen Ihre Befunde auf diesen Stick ziehen, dann haben Sie immer alle dabei und sparen sich das Papier.“ Naiv habe ich mir gedacht, um ein Tausendstel, wenn nicht weniger, der Kosten von ELGA könnten die Krankenversicherer jedem ihrer Klienten zur e-card einen USB-Stick-Schlüssel „schenken“, das würde sogar jemand sponsern. Übrigens gibt es auch USB-Armbänder und andere Formen, wichtig ist halt, dass man darauf aufpasst und es nicht leicht gestohlen werden kann.

Die Patienten könnten die Einsicht in ihre Befunde begleiten und manch sensibler Befund ließe sich mit einer Passwort-Technologie einfach sperren. Haben nicht auch Notärzte einen Laptop dabei, mit einem USB-Anschluss? Dann wandle ich alle Befunde in ein PDF-Format um und bezeichne sie so:„2015-03-06 rö lunge“ oder „2011-05-11 lkh med 1“ usw. Damit sind alle Befunde zeitlich geordnet und es ist sofort ersichtlich, worum es sich handelt. Da gibt es den Herrn Adolf, den ich seit 30 Jahren kenne und der einige Erstdiagnosen hat: Diabetes mellitus, koronare Herzkrankheit, Polymyalgia, Hüftprothesen

beidseits, Polyneuropathie, es folgen Nebendiagnosen. Die Liste der Medikamente variiert, mindestens sieben stehen aber immer drauf.

Und jetzt kommt Herr Adolf mit einem Erysipel in das Krankenhaus und zeigt bei der Aufnahme stolz seinen USB-Stick vor: „Da sind alle meine Befunde, schön geordnet!“ Der aufnehmende Arzt: „Äh, äh, jetzt gerade habe ich wenig Zeit, vielleicht später ...“ Und es kommt ihm die rettende Idee: „Da könnte ein Virus drauf sein, das darf ich nicht öffnen!“ (Wo, wenn nicht im Krankenhaus, kann man mit Viren fertigwerden!)

Da gibt es weitere schöne Beispiele von vorsichtiger Zurückhaltung bei den Kollegen, die Idee vom Virus war noch die originellste Ausrede. Das soll aber keine Kritik an Kollegen sein, schon gar nicht an Spitalsärzten, die haben wirklich wenig Zeit und sind eh schon mit Evaluation, Qualitätskontrolle, Codierung und Schreibkram überlastet.

Wenn nun bisher in meinem Wirkungskreis kein einziger Arzt diese Möglichkeit genutzt hat, die sich doch recht einfach darstellt, wie wird dann wohl ELGA angenommen werden, wo doch gerade die vielen Gegenargumente und rechtlichen Unsicherheiten die Begeisterung gar nicht erst aufkommen lassen und

das Aufsuchen und Finden in Servern deutlich mehr Zeit benötigen werden als das simple Öffnen eines Sticks? Im praktischen Alltag: Ach, wo finde ich einen schönen Alltag? Berechenbar, terminlich stimmig, Zeit für Aufklärung und Gespräche, kollegialer Austausch, Kaffee mit dem Pflegepersonal ...

Ich werde mein „Sticky Project“ weiterverfolgen, das Cover der Rolling Stones (Sticky Fingers) wird mich daran erinnern.

Dr. Dieter Schmidt,

Landarzt in Eberndorf, Südkärnten


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