Ordination Dr. Dieter Michael Schmidt

15.11.2005

Gentechnik und Ärztekammer

Gentechnik und Ärztekammer
Was haben diese beiden miteinander zu tun?

Im Selbstverständnis unserer Kammer, die seit 1981 ein Referat für Umweltmedizin führt und so ihre Verantwortung ausdrückt, haben wir die Verpflichtung, Zusammenhänge zwischen Umweltschadstoffen und der menschlichen Gesundheit zu wissen, sie den Ärzten zu vermitteln und in der Standespolitik, wo es nötig ist, der Öffentlichkeit Kenntnisse, Warnungen oder Empfehlungen weiter zu geben.

So auch bei dem Thema Gentechnik.

Diese wird heute in „rote“ – medizinische und „grüne“ – landwirtschaftliche Gentechnik unterschieden.

Die Medizin verdankt der Gentechnik wichtige Neuerungen in Diagnostik und Therapie: PCR-Test, DNA-Analysen, Gerinnungsdiagnostik; Insulin, Interferon, Erythropoetin, Gerinnungsfaktoren.

Erfolge sind hier unbestritten und die Forschung geht auch weiter und sollte gefördert werden, wiewohl auch Misserfolge vorkommen und dramatisch enden können: bei dem Nahrungsmittelzusatz Tryptophan, dessen gentechnische Herstellung zu Verunreinigungen führte, was 39 Menschen das Leben kostete und 1151 dauernd gelähmt zurückließ.

(Refs: Nordlee, J.A. et al (1996) THE NEW ENGLAND JOURNAL OF MEDICINE 688; Mayeno, A.N. et al (1994) TIBTECH 12:364.)

Und an Hand dieser Katastrophe lässt sich gleich der Unterschied zur landwirtschaftlichen Anwendung erklären. Ein Medikament wird einzelnen Patienten verabreicht, nach Prüfungen in allen vorgeschriebenen Phasen, die Therapie lässt sich sofort beenden und wie sich oftmals in der Vergangenheit gezeigt hat, reagieren die Behörden rasch und entschlossen.

Sollte eine schadhafte Saat ausgebracht worden sein, deren Auswirkungen erst beim Verbraucher sichtbar werden, wie Allergien, toxische Reaktionen oder auch nur Übelkeit, so ist es unmöglich, alles zu verfolgen und zurück zu rufen. Auch dafür ein Beispiel, der so genannte STARLINK-Vorfall. Futtermais wurde mit dem Cry9C-Gen versetzt, was eine Resistenz gegen den Maisbohrer bringen sollte. Der Mais war nicht als Lebensmittel zugelassen, wurde aber doch im September 2002 auf dem Markt gefunden, 51 Meldungen bei der FDA über adverse und allergische Reaktionen erzwangen eine riesige Rückholaktion.

(Umweltmed Forsch Prax 10 (4) 2005)

Ein so einfacher Parameter wie der Blutdruck ist von so vielen Stellgrößen, Regelkreisen, Organfunktionen, Gefühlen beeinflusst, dass es dem Blick durch einen Türspion in eine Fabrikshalle voller Maschinen gleicht, wenn wir ihn messen. Und nach der Entschlüsselung des Genoms sei es möglich, durch die Änderung einiger Ziffern oder Satzteile den Sinn des Buches zu beeinflussen?

Wie immer bei der Einführung neuer Technologien fordert die Ärztekammer von Beginn an begleitende, unabhängige Forschung, deren Finanzierung in einem von Universitäten verwalteten Fonds selbstverständlich die produzierende Industrie zu tragen hat.

Und wie immer finden diese Forderungen kein Gehör, die Vorsorge gilt wenig, zu Reparaturen werden wir dann freilich gerufen. Gerade die Umweltmedizin widmet sich in großem Umfang der Prävention.

Dieser Artikel erschien in der Ärztezeitung, Ausgabe 11/05




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